Ich mag STILLE im Yoga

Vor kurzem war ich in einer ganz wundervollen Yogastunde. Ein gut vorbereitetes Thema zog sich durch die ganze Praxis, die Lehrerin hatte sich viel überlegt, sie sagte viele wundervolle Dinge, und zu all dem, was sie sagte, konnte ich voll und ganz zustimmen.

Und doch: ich war genervt. Ich kam, um abzuschalten, um mit mir zu sein, um mich zu spüren, um mich in eine (ja, sicherlich) angeleitete und vorgegebene Praxis zu vertiefen. Aber mit der Zeit, je mehr sie redete, desto unruhiger wurde ich. Gut, dachte ich mir, ich bin geschult im „Ausblenden“ von Dingen um mich herum. „Pratyahara“ nennt das Patanjali in seinem Yogasutra, in dem er den achtgliedrigen Pfad des Yoga beschreibt. Pratyahara, das ist der Rückzug der Sinne von der Außenwelt. Die fünfte Stufe des achtgliedrigen Pfades. Und wisst ihr was, die sechste nehme ich doch gleich noch dazu, ganz klar, damit ich auch wirklich nichts mehr höre vom Gerede um mich herum: „Dharana“, die Konzentration des Geistes. Das ist die sechste Stufe. Gesagt, getan, es funktionierte.

Und trotzdem, die lezten Tage musste ich immer wieder darüber nachdenken: was heißt das eigentlich für mich selbst als Lehrerin? Was bedeutet es für meine Art, zu unterreichten, wenn mich die Stille mehr begeistert, als verbale Anleitungen? Und was bedeutet es für das, was ich meinen Schülern mitgeben möchte?

Ich mag STILLE im Yoga. Sehr sogar.

Stille ist ein ganz besonderer Raum. Ruhig, groß, offen. Leer irgendwie, und das mag uns manchmal in Besorgnis bringen. Aber Stille ist heilsam. Und Leere ist es auch. Auf ihre Art. Weil sie Raum bereit hält für das, was Heilung sucht, in uns. Und zwar ohne, dass ich es vorher weiß. Und ohne, dass es mein Lehrer vorher wissen kann. Stille ist magisch. Ein unglaublicher Ort. Und Stille in Gemeinschaft ist es umso mehr. Die Stille in einer gemeinsamen Yogastunde, die Still in einer gemeinsamen Meditationsstunde.

Ich schätze thematische Yogastunden, und halte sie selbst des Öfteren. Gute Vorbereitung, vieles, das gesagt werden will und vom Schüler rezipiert werden soll. Das Sprechen des Lehrers ist besonders gut für all jene Schüler, deren Geist sich permanent verselbständigt. Für Schüler, die abschweifen, nach hier, nach da, aber kaum in ihrem Körper ankommen, auf ihrer Matte, im Hier und Jetzt. Worte können Anleitung geben, worauf sie ihren Geist konzentrieren sollen – Dharana, da haben wir es wieder. Patanjali wusste Bescheid.

Aber manchmal – oder sogar oft – ist es gut, den Geist in Ruhe zu lassen. Ihn fast schon in die Ruhe zu zwingen. Und zwar aus einem einzigen Grund: damit er sich selbst erkennt. Bäm.

Die Erkenntnis des Geistes seiner selbst ist zuweilen erschreckend. Beängstigend. Was da ständig vor sich geht im Geiste, das übertünchen wir gerne mit noch mehr Lautstärke, mit noch mehr Ablenkung, mit noch mehr Konsum und schnelleren Aktivitäten. Was wollen wir vermeiden, in dieser Erkenntnis? Die Konfrontation mit uns selbst?

Ich glaube, ja. Die Konfrontation mit uns selbst. Und dabei müssten wir das gar nicht. Weil die Wahrheit im Selbst, d.h. wie das Selbst sich wirklich anfühlt, welches Wesen im Selbst wirklich wohnt, wer wir (DU und ICH) wirklich sind, viel großartiger, einfacher und klarer ist als das, was der Geist uns erzählt. Die Geschichten, die wir über uns selbst gehört haben, was andere über uns gesagt haben, was wir mittlerweile selbst über uns glauben. All das kann ganz schön weit von der Wahrheit im „wahren Selbst“ entfernt sein. Aber es ist das, was der Geist uns täglich, stündlich, minütlich vorspult – Endlosschleife, unbewusst, unerbittlich.

Wenn wir wissen wollen, welches Wesen im Selbst wirklich wohnt, dürfen wir uns in die Stille begeben. In die Stille mit uns selbst. Das ist dort, wo der Geist sich selbst erkennt, erschrickt über sein eigenes Geschwafel, und dann ganz langsam und bedächtig den Blick auf das wahre Selbst frei gibt. Dann ist Heilung möglich. Vom Geschwafel. Von der Anspannung, die aus dem Geschwafel folgt. Von den Emotionen, die das Geschwafel in uns auslöst.

Ich mag STILLE. Im Yoga. Und überall.

Namasté – das Göttliche in mir erkennt das Göttliche in dir. Und ehrt es.

With love, Katharina